Treffen

Die Programme unserer Treffen

Alle nachfolgenden Vorträge fanden/finden an Sonntagen, früher und gelegentlich auch an Samstagen statt. Der Nachmittag  war/ist stets für “show & tell“ reserviert.

Zusammenfassung der Vorträge finden Sie am Ende der Seite.

5. November 2017

  • Wolfgang Windau, Emmendingen
    „Schlafteppiche der Aimaq“
  • Wolfgang Ritter, Wuppertal
    „Bemerkungen zur Yastik Ausstellung“
  • Christine Müller-Radloff, Dresden
    „Das neue Teppich-Museum in Baku, Azerbaijan“
  • Herbert Exner, Wedemark
    „Bericht über das 5. Symposium Teppiche in Baku, Azerbaijan“

18. Juni 2017

  • Wolfgang Ritter, Wuppertal
    „Gewebte Handtücher aus Anatolien“
  • Stefan Schulz, Nienburg
    „C14 – Datierungen bei Textilien“
  • Luc De Leenheer, Boechout, Belgien
    „Wahlfreiheit mit Mafrash“ welche spricht mich besonders an?

12. März 2017

  • Simone Jansen, Dresden
    „Rya – Teppiche aus Skandinavien“
  • Jörg Affentranger, Muttenz, Schweiz
    „Flachgewebe der Belutschen“

6. November 2016

  • Wolfgang Ritter, Wuppertal
    „Türkische Geldtäschchen – Parakesesi“
  • Horst-Reinhard Nitz, Hamburg und Jürgen Baumgarten, Berlin
    „Amthropomorphe Figuren aus dem Neolithium in neuzeitlichen Flachgeweben“
 

Vorträge

Stefan Schulz, Nienburg, Gehalten am 18. Juni 2017

Alterbestimmung von Textilien mit Hilfe der Radiocarbonmethode
- Zusammenfassung -

Eine Altersbestimmung von orientalischen Textilien, insbesondere von solchen nomadischer oder bäuerlicher Herkunft, ist bislang nur sehr eingeschränkt möglich. Zurück bis etwa 1850 kann häufig der Einsatz der neu entwickelten synthetischen Farben einen terminus post quem bieten. Vor 1800 bleibt uns meist als einzig seriöser Versuch einer Altersbeschreibung „1800 oder früher“, was durchaus auch 1700 oder 1500 bedeuten kann.

Es lag also nahe, nach objektiven Methoden der Altersbestimmung zu suchen. Die von Willard Libby ab 1948 entwickelte Radiocarbonmethode bietet für archäologische Fundstücke aus organischem Material in vielen Fällen eine brauchbare Lösung.

Neben dem „normalen“ Kohlenstoff C12 findet sich in der Atmosphäre und in stoffwechselaktiven, organischen Geweben auch das seltenere, schwerere Isotop C14. Stirbt das Gewebe ab, baut sich das C14 entsprechend einer als spezifischer Stoffeigenschaft festliegenden Abklingrate ab. Damit lässt sich aus der Kenntnis des noch vorhandenen C14- Anteils Nt (in Prozent der Ausgangsmenge N0) in einer Probe die abgelaufene Zeit t nach einer einfachen Potenzfunktion berechnen: Nt=N0 x q t .

Leider ergibt sich eine Reihe von Problemen, die die Anwendbarkeit der Methode für die Zwecke des Orienttextiliensammlers massiv einschränken.
Insbesondere die deutlichen Schwankungen des C12/ C14- Verhältnisses in der Atmosphäre im Laufe der Zeit verlangen nach einer Kalibrierung, um den Ausgangswert N0 für unsere Berechnungen zu gewinnen. Als Ursachen für die unterschiedlichen C14- Werte gelten natürliche Ursachen wie die unterschiedliche Sonnen(flecken)aktivität, aber auch anthropogene Ursachen wie der massenhafte Verbrauch fossiler, also inzwischen C14- armer, Brennstoffe ab dem 19. Jahrhundert (Suess- Effekt) und die oberirdischen Atomwaffenteste ab 1950.
Für die letzten 10000 Jahre, also zurück bis zum Göbekli Tepe, liegen lückenlose dendrochronologisch gewonnene Kalibrierungskurven vor.

Die Messung der C14- Menge in einer Probe erfolgt heute mithilfe eines Massenspektrometers (AMS, accelerator mass spectrometry). Die ursprüngliche Bestimmung mithilfe des Geigerzählers („Libby- Zählrohr“) ist nicht mehr gebräuchlich, da wesentlich größere Probenmenge (im Grammbereich) verlangt werden.

In dem heutigen Vortrag vor den Norddeutschen Teppichfreunden soll nach einem kurzen Abriss der naturwissenschaftlichen und statistischen Grundlagen der Methode der Schwerpunkt des ersten Teils auf der formalen Darstellung der Ergebnisse liegen:

Welche Angaben sind unverzichtbar, wie wird ein Ergebnis gelesen? Welche Fehlermöglichkeiten gibt es? Als wichtigste Stichpunkte sollen angesprochen werden:

Die „konventionelle“ Festlegung aller Ergebnisse auf die Bedingungen von 1950 (Before Present BP). Mit einem „konventionellen Radiocarbonalter“ von 0 Jahren (1950) liegen in einer Probe noch 100% pMC (Percent Modern Carbon) vor.
Die Beschreibung der Messwerte der Proben und der Kalibrierungskurve mit Mittelwert und Streuung (Standardabweichungen).
Die Korrektur der „biologischen Isotopenfraktionierung“ mithilfe des C12/C13- Verhältnisses. Die „Statistische Faltung“ des konventionellen Radiocarbonalters an der dendrochronologisch gewonnenen Kalibrierungskurve auf das Kalenderalter anno domini AD.
Die Beschreibung der Kalibrierungskurve der letzten 400 Jahre mit Plateaus und Faltungen und des daraus häufig resultierenden Problems, dass einem Radiocarbonalter mehr als ein mögliches Zeitfenster AD zugeordnet werden muss.
Die Beschreibung der Wahrscheinlichkeitsdichtekurve über dem Zeitstrahl AD als Ergebnis der statistischen Faltung der Messwerte unter Einschluss der doppelten Standardabweichung (Gauß’sche Glocke) an der Kalibrierungskurve.

Anhand von Beispielen aus der Literatur sollen verschiedene Darstellungsweisen der Ergebnisse vorgeführt werden und auf Unstimmigkeiten und drohende Missverständnisse hingewiesen werden. Insbesondere die kumulierten Prozentzahlen für unterschiedliche mögliche Zeitfenster werden in Publikationen oder im Handel gerne als „Wahrscheinlichkeit für das wahre Entstehungsalter“ beschrieben und entsprechend prominent dargestellt, während die zugehörige Kalibrierungskurve meist weggelassen wird.
Anhand einer Simulation soll gezeigt werden, dass die kumulierten Prozentzahlen für bestimmte Zeitintervalle sich aus dem eher „willkürlichen“ Verlauf der Kalibrierungskurve ergeben und für weiterführende Überlegungen nicht hilfreich sind.

Im zweiten Teil des Vortrags sollen beispielhaft einige Ergebnisse aus der Arbeit von Jörg Rageth (Anatolian Kilims & Radicarbon Dating, 1999) vorgestellt werden.
Es soll überprüft werden, welchen Erkenntnisgewinn bezüglich der Altersbestimmung von antiken Kelims man als Sammler trotz der im ersten Teil beschriebenen Schwierigkeiten und Uneindeutigkeiten erzielen kann.

Die traditionelle teppichkundliche Altersbestimmung fußt auf Kriterien wie „Farbild “, „Mustergestaltung“, „Häufigkeit“. Entsprechend wurde die Auswahl der für eine Radiokarbondatierung infrage kommenden Stücke durch Jorg Rageth vorgenommen. Schon wegen der nicht unerheblichen Kosten des Verfahrens wurden nur solche Stücke untersucht, die nach Expertenmeinung mindestens 200 Jahre alt waren.
Eine Übereinstimmung von Radiocarbondatierung und teppichkundlicher Altersbestimmung wäre hilfreich, um zeitliche Reihungen mit etwas größerer Sicherheit zu erstellen.

Die wichtigste Botschaft aus der Arbeit von Rageth ist zunächst, dass es den „uralten“ Kelim aus dem 15. bis 17. Jahrhundert wirklich gibt und dass, wie der Autor an dieser Stelle anmerken möchte, man diesen Stücken ihr hohes Alter nicht unbedingt ansehen muss.

Immerhin 6 der von Rageth abgebildeten Kelims sind abzüglich der doppelten Standardabweichung mindestens 210 konventionelle Radiocarbonjahre BP alt, so dass sich ein kalendarisches Alter AD vor 1660 ergibt.
Bei weiteren 8 Stücken, die mit mindestens 150 Radiocarbonjahre (wieder nach Abzug von 2 Sigma) gemessen wurden, muss das tatsächliche Alter vor 1810 liegen, mit Peaks der Wahrscheinlichkeitsdichte Ende des 17. und Ende des 18. Jahrhunderts.
Allen anderen Stücken, die nicht sicher (2- Sigma- Konfidenz) mindestens 110 Jahre BP alt sind, müssen aufgrund des besonders unsteten Verlaufs der Kalibrierungskurve in diesem Zeitraum 3 bis 4 mögliche Altersbereiche zwischen 1650 und 1950 zugewiesen werden.
Die Altersaussage „1650- 1950“ kann natürlich auch ohne die nicht ganz geringen Kosten der Massenspektrographie gewagt werden.

Eine wirklich enge Korrelation zwischen teppichkundlichen Kriterien für „hohes Alter“ und den Radiocarbondatierungen vermag der Autor nicht zu erkennen. „Farbbild“ und „archaische Motivgestaltung“ zeigen zumindest bessere Übereinstimmungen als das Kriterium „Seltenheit“. Von den wegen ihrer außergewöhnlichen oder sogar einzigartigen Farb- und Motivgestaltung in Ausstellungen und Publikationen der letzten Jahrzehnte besonders hoch geschätzten Stücken stammen allenfalls ein bis zwei aus einer der beiden höheren Alterskategorien.

Für den Autor wie für die meisten Sammler stellt sich abschließend die Frage, ob Analogien zulässig sind: Wenn ein Stück laut Radiocarbonbestimmung sicher ins 16.- 18. Jahrhundert datiert werden kann, ist es dann zulässig, ein Stück mit ähnlicher Anmutung, vielleicht auch gleicher Provenienz, (vorläufig) in den selben Zeitrahmen einzuordnen?
Wenn nein, sollte man vielleicht akzeptieren, dass es, regional unterschiedlich, über Jahrhunderte, teilweise noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein „Kontinuum“ gegeben hat, in denen Kelims in derselben Tradition und unter gleichen materiellen und handwerklichen Bedingungen geschaffen wurden. Dann muss der Unterschied zwischen 1650 und 1850 gar nicht erkennbar sein. Sollte die ständige Frage nach dem Alter überflüssig / sinnlos sein?

 

Horst Nitz, Hamburg und Jürgen Baumgarten, Berlin, gehalten am 8. November 2015

Frühneolithische Symbole (PPNA) in ost-anatolischen Kelims – Duplizität oder Tradition?

Zusammenfassung: Im 10. Jahrtausend BC errichteten frühneolithische Jäger und Sammler-Gemeinschaften monumentale steinerne Ringanlagen auf dem Göbekli Tepe nahe Urfa in der Türkei. Anthropomorphisierende und tiergestaltige Ausarbeitungen sowie H-förmige abstrakte Zeichen an T-köpfigen Steinpfeilern lassen vermuten, dass hier der n spirituelle Kosmos einer frühen Kultur am Übergang zur sesshaften Lebensform Ausdruck gefunden hat. Die konzertierte Anstrengung bei der Errichtung der Anlagen wirkte zurück auf die Erbauer und veränderte ihr soziales Miteinander auf Dauer. Am Ende der sakralen Nutzungsperiode zweitausend Jahre später war der Übergang zur sesshaften Lebensform vollzogen und Agrarwirtschaft und Viehzucht waren zur Existenzgrundlage des Lebens in dörflichen Gemeinschaften geworden. Religion und Kunst waren in diesen Prozess aufs Engste eingebunden. Danach wurden die Anlagen auf dem Göbekli Tepe verfüllt und verlassen. Die großen T-förmigen Pfeilersymbole traten nirgendwo anders mehr in Erscheinung bzw sie gerieten nicht noch einmal in den Fokus der Archäologie. Waren sie damit ganz aus der Welt?

Wir, die autoren des Vortrages meinen: nein. Unserem Arbeitsmodell nach haben sie als Symbole an anderes Substratformen gebunden bzw früh miniaturisiert und verinnerlicht, die Jahrtausende überdauert und treten spätestens in der Spätantike mit einer neuen sakralen Aussage hervor, in deren Mittelpunkt die Hypostatische Union als Sinnbild der zwei Naturen Christi zu stehen scheint. Die ursprüngliche H-Form, die Verbindung aus zwei einander gegenüberstehenden T-Symbolen, könnte als Symbol eines im Frühneolithikum erwachsenen Dualismus verstanden werden; die später hinzutretende, zu einer Art Kurzszepter mit rhombischen Umriss erweiterte H-Form wurzelt tier im dualistischen Weltverständnis der Region. Sie hat ihre Vorgängerin nicht verdrängt, sondern in der Transformation bewahrt und findet mit ihr den gemeinsamen Ort im sakralen Raum des Medallions vor allem ostanatolischer Kelims des 18. Und 19. Jahrhunderts.

Dementsprechend möchten wir Kelims und andere Flachgewebe nicht in erster Linie als Kunst denken, ihre Ornamente nicht zuerst als Dekor, sondern ihre Funktion und ihren Symbolgehalt in dern Vordergrund stellen.

Für uns sind sie das visuelle Gedächtnis nahöstlicher Kulturen und deren Ideengeschichte.